Inside Germania Leipzig

Tag der offenen Tür bei der Leipziger Burschenschaft Germania

Am Freitag, dem 22. Juni 2012 lud die Leipziger Burschenschaft Germania zum Tag der offenen Tür, damit man sich „ganz zwanglos selbst ein Bild“ von ihnen machen konnte. Beim Betreten der „Etage“, einer angemieteten Wohnung, in der die Burschenschaft residiert, wurde man so gleich von einem locker gekleideten jungen Mann, der das für studentische Verbindungen typische „Band“ in den Verbindungsfarben (hier: schwarz-weiß-rot) trug, begrüßt. Danach wurde man gleich auf die Hausordnung verwiesen. Ziel war es aber nicht den Besucher mit einem umfassenden Regelwerk einzuschüchtern, sondern vielmehr Offenheit und Modernität zu demonstrieren, da der Passus zu „Damenbesuch“ explizit als „veraltet“ und „nicht mehr zeitgemäß“ bezeichnet wurde. Außerdem wurde erwähnt, dass die Freundinnen der Burschenschaftler selbstverständlich in die Wohnung kommen dürfen und auch an den Veranstaltungen teilnehmen dürfen, oder jedenfalls an den meisten. Dies wurde mit den biologischen Unterschieden zwischen Geschlechtern begründet und damit auch die „Unsinnigkeit“ des Gender Mainstreaming, eine Deutungsweise, wie sie auch in neonazistischen Kreisen anzutreffen ist. Als Gast wurde man sehr zuvorkommend behandelt, sogleich wurden Getränke angeboten und grundlegende Fragen geklärt. Durch den Wegfall der Wehrpflicht und den Bologna-Prozess sind Hochschul-Absolventen normalerweise „unfertige Menschen“, die Charakterbildung in einer Burschenschaft verschaffe da Abhilfe. Besonders interessant war die Anwesenheit eines jungen Mannes, der womöglich schon mehrfach zu Gast bei den „Germanen“ war. Besagter junger Mann trug einen Anstecker mit der germanischen Lebensrune, so zumindest die gängige Interpretation und daher ein beliebtes Symbol in faschistischen Kreisen, und eine Gürteltasche der Marke Thor Steinar. Nazis scheint es in der Burschenschaft aber nicht zu geben, denn der Nazivergleich diene heutzutage dem „Versuch politisch unliebsame Menschen mundtot zu machen“ und außerdem gäbe es in dieser Verbindung „keine Sozialisten“.

In der „Kneipe“, dem eher offiziellen und repräsentativen Raum fanden sich weitere bemerkenswerte Details: Neben der Tür befindet sich eine Tafel, die den „Helden“ des zweiten Weltkriegs aus den Reihen der Burschenschaft gewidmet ist, besonders hervorgehoben sind zwei Mitglieder, denen Orden verliehen wurden. Neben Fahnen und Kerzen in den Verbindungsfarben fanden sich allerlei weitere entsprechende Devotionalien in dem Raum. Besondere Erwähnung verdienen noch die Zierhörner, die als Hinweis auf das Germanentum verwendet werden, dieser Zusammenhang wurde mit einem Tacitus-Zitat durch einen der „Verbindungsbrüder“ untermauert. Mit der Farbkombination schwarz-weiß-rot bezieht sich die Germania bewusst auf das Deutschtum und das Kaiserreich. „Leider können wir unsere Fahne nicht mehr raushängen, da würden uns die Scheiben eingeschmissen werden.“ Die Fahne selbst ist optisch nicht von der Reichsfahne zu unterscheiden und diese kann je nach Bundesland von der Polizei beschlagnahmt werden, ist aber nicht verboten. In eben diesem Raum outete sich eines der Mitglieder als passionierter Jäger um noch schnell über Vegetarier herzuziehen und die Jagd nach Beute als natürlichen „Urtrieb“ des Menschen darzustellen.

Der angrenzende Raum dient sowohl als Bar, als auch als Bibliothek und beinhaltet einem Leuchter in der Form der „Schwarzen Sonne“, einem pseudogermanischem Symbol, welches nachweislich auf die SS zurückgeht. Im Barbereich befand sich unter anderem ein gerahmter Wehrmachtsbefehl, der zu Gehorsam und Disziplin mahnt, unter Androhung der Todesstrafe. Weiterhin findet sich eine Karte, auf der die Zeichnung einer barbusigen Blondine mit dem Schriftzug „tiTTen zeigen gegen raSSismus“ [sic!] zu finden ist. Darüber hinaus weist ein kleiner „Nein zum €uro“-Aufkleber auf die europapolitische Positionierung der Germania hin.

Im Bücherregal fanden neben den einschlägig bekannten Büchern des KOPP-Verlag-Autors Udo Ulfkotte zu drohenden Bürgerkriegen und der „Überfremdung“ Deutschlands, Bücher über die Islamisierung und dem Fleischhauer-Klassiker „Unter Linken“ auch ein mehrbändiges Werk mit dem, in altdeutscher Schrift geschriebenen, Titel „Der Aufstieg des dritten Reiches“. Neben diesem Bücherregal stand ein Burschenschaftler, der seinen beiden Zuhörern erklärte, dass es „unmöglich“ sei, wie heutzutage über „Jugendsünden“, sprich „ehemalige NPD-Mitglieder“ hergezogen werde, die „Germania“ würde aber nicht nach solchen „Jugendsünden“ fragen, da es „irrelevant“ sei: „Soll er doch denken, was er will.“

Im Flur kam erklärte ein so genannter „Fuchs“, also gewissermaßen ein Lehrling, seinen Status und offenbarte dabei ein fragwürdiges Demokratieverständnis. „Zurecht“ hätten „Füchse […] kein Stimmrecht“, da sie noch nicht „mit der Satzung und den Gepflogenheiten“ vertraut wären, also noch nicht über das „für Abstimmungen nötige Wissen verfügen.“ Ein „Alter Herr“, ein Mitglied, welches sein Studium bereits beendet hat, erklärte nach dem Exkurs in die innerverbandliche Demokratie und der Erläuterung der Mitgliederliste seine Weltsicht. „Die Burschenschaftler waren dem herrschendem System immer ein Dorn im Auge und das ist heute nicht anders, weil sie für ein anderes Gesellschaftssystem kämpften.“ Was an diesem System denn so schlecht wäre und ob es ein besseres gäbe? Nein, die Demokratie wäre das beste Gesellschaftssystem, „nur leider haben wir in Deutschland, äh, in der BRD keine echte Demokratie.“ Die Strafbarkeit der Holocaustleugnung wird als „undemokratisch“ empfunden und lege Historikern Steine in den Weg. „Ich sage: Lasst die Leute doch forschen!“ Kurz ging er noch auf gewisse folkloristische Elemente des Burschenschaftlerlebens ein: „Wir singen immer das Deutschlandlied, alle drei Strophen.“ Ironischerweise befand er sich dabei neben einem Plakat, das frappierende Ähnlichkeit mit antisemitischen Hetzzeichungen aus der NS-Zeit aufweist und die „Mensur“, eine Art ritualisierter Fechtkampf, als kulturelle Errungenschaft würdigt. Die „Mensur“ ist sehr eng mit dem Ehrbegriff verbunden: Wenn jemand „mich oder meine Verbindung beleidigt, dann wählen wir vier Leute aus unserer Verbindung aus und fechten mit vier von den andern. Es geht dabei nicht um Sieg oder Niederlage. […] Dann ist die Ehre wiederhergestellt.“

Außerdem fand sich im Flur eine Karte von Deutschland in den Grenzen von 1937, während in der Küche ein Schild hing, auf dem ein stilisierter Adler zu sehen ist, der dem Reichsadler der Hitlerzeit sehr ähnlich sieht, abgesehen vom Hakenkreuz.

Es war außerdem möglich weitere aufschlussreiche Einblicke zu erhalten. So lamentierten einige „Alte Herren“ über die Schwierigkeiten, die auf Flohmärkten entstehen können: „Kleinliche“ Polizisten würden mit Verweis auf die Waffengesetze den Handel mit Bajonetten, Säbeln, Degen und Kampfmessern einschränken. Außerdem wurde als das Gesprächsthema auf Afrika kam, verächtlich über „Biafra[?]-Kinder“ gesprochen. „Wie fallen die vom Baum?“ Mit der Hand wurde dann eine schwebende Bewegung angedeutet.

Die studierenden Burschenschaftler wurden über die Werbung des Tages der offenen Tür befragt, die Antwort schien zu mindestens einen der „Alten Herren“ zu erschüttern: „Was, ihr habt in den Wohnheimen Flyer verteilt? Da haben das ja auch welche mit Migrationshintergrund bekommen!“ Er ließ sich beruhigen: „Nein, da haben wir aufgepasst, dass solche das nicht bekommen.“ Was denn wäre, wenn jemand mit Migrationshintergrund kommen würde? „Nun die Germanen sind da sehr eigen, da sie zu ihrem Land stehen, wären sie nicht begeistert. […] Wenn sich die mit Migrationshintergrund hier [mit den Deutschen] vermischen, dann geht’s nur noch bergab.“

Übrigens: „Wir haben uns nicht verändert, wir haben immer noch unsere Überzeugungen aus dem 19. Jahrhundert, damals waren wir linksradikal, heute ist die Gesellschaft so weit nach links gerückt, dass wir als rechts gelten.“

Innerhalb des Dachverbandes „Deutsche Burschenschaft“ sieht sich die Leipziger Burschenschaft Germania als gemäßigt an.

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4 responses to this post.

  1. Fragt sich, warum eine so deutlich mit fragwürdigen Indizien gespickte Burschenschaft überhaupt einen Tag der offenen Tür veranstaltet.
    Fragt sich auch, wann die eigentlich genau vergessen haben, dass man sie im Dritten Reich (wie übrigens in der DDR auch) gar nicht so wirklich lieb hatte – jedenfalls nicht als Burschenschaft. Und dass man 1933-45 auch die Urburschenschaftsfarben schwarz-rot-gold nicht besonders lieb hatte.
    Fragt sich auch, warum Mensur und antisemitische Symbolik da Hand in Hand gehen, wenn man in manchem Korporiertenforum geradezu ehrfürchtig von den Säbelpartien jüdischer Studentenverbindungen berichtet.
    Fragt sich auch, was jetzt wer aus diesem Kommentar macht, denn der ist so unangenehm uneindeutig, ob er jetzt pro oder kontra was überhaupt ist…

    Antwort

  2. Posted by wolf on Juli 8, 2012 at 14:15

    na viel hast Du wohl in Deiner Sängerschaft nicht gelernt….bei diesen Fragen…….
    (es war doch etwas schlimmer für Dich, als Du dir selber eingestehst?)

    Antwort

  3. Nee, in der Sängerschaft hab ich nur Singen und Saufen gelernt. Is ja klar. In einem gemischten Rudel aus Förstern, Juristen, Medizinern, Germanisten, Musikwissenschaftlern, VWLern, Pahramazeuten, Chemikern, Physikern, Geologen & Co., die ständig wild am diskutieren waren und sind, lernt man ja auch sonst nix. Völlig absurder Gedanke…

    Abgesehen davon wollten meine „fragt sich“-Formulierungen zu überlegen geben, ob die Welt wohl wirklich so einfach ist wie viel zu viele sie sich gerne einfach machen´…

    Antwort

  4. Geht nämlich manchmal auch so:

    „Mein persönlicher Aufreger war, dass meine Vorurteile einfach nicht bestätigt wurden.“

    http://fudder.de/artikel/2009/11/23/nightlife-guru-abbaparty-der-saxo-silesia-burschenschaft/

    Antwort

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